M.: Gutachten für Kf. August von Sachsen [in Dresden]. Dt. - [Wittenberg, vor 10. März 1559]

Über das Weimarer Konfutationsbuch [vgl. Salig 1, 651 und 3, 475-477; Heppe 1, 298f; Preger 2, 78f].

[1] M. hat schon vor 20 Jahren die christologischen Irrtümer von [Michael] Servet und [Johannes] Campanus widerlegt, in Druckschriften [⇨ 1351 und bei ⇨ 7948] sowie in einem Brief nach Venedig [2135]. Er hat auch gegen Petrus Gonesius nach Polen geschrieben, dessen Buch [Nikolaus] Radziwiłł [der Schwarze] unterdrückte, aber ein Exemplar an M. schickte [⇨ 7719.2; 7888.2; 7895.2]. In Deutschland hat sich nur [Matthias Flacius] Illyricus dieses Irrtums verdächtig gemacht [8075; 8080; H 165]. Mit den Weimarern besteht hierin keine Differenz.

[2] Gegen [Caspar von] Schwenckfeld sind M.s Schriften vorhanden [8379], desgleichen dessen [vielmehr Theophilus Agricolas] Schrift gegen Paul [Eber] und M. [⇨ 8713.4].

[3] Gegen die Antinomisten wie [Johannes] Gülden hat M. seit der ersten Visitation vor 30 Jahren geschrieben und ist dafür angegriffen worden [⇨ 634]. Es geht dabei nicht nur um die Gesetzespredigt, sondern auch um die angebliche Bewahrung des Heiligen Geistes trotz Sünden wider das Gewissen. Dazu äußert sich das Weimarische Buch nicht.

[4] Die Irrtümer der Wiedertäufer hat niemand so gründlich widerlegt wie M. und [Justus Menius] schon vor 20 Jahren [→TRE 22, 388.11-15 und 440.10-15].

[5] Abendmahlslehre: Die Weimarer reden von alten und neuen Zwinglianern, stärken aber die papistische Abgötterei, weil sie den Sakramentscharakter außerhalb des Vollzugs nicht negieren. Durch die Ubiquitätslehre stifteten sie Unfrieden in Bremen, Braunschweig und Hamburg. M. erörtert diese Lehre nicht gern, sondern verweist auf die Kirchenväter und auf das dem Kf. zugestellte Schriftstück [8494]. Die von den Weimarern vorgenommene Trennung von Leib und Blut Christi lehren weder die Papisten noch Luther. Für M. kommt es auf den tröstlichen Dienst an, auf die Gemeinschaft des Leibes Christi [⇨ 9119].

[6] Willensfreiheit: M. hat schon zu Luthers Lebzeiten die stoische und manichäische Irrlehre vom unfreien Willen abgelehnt [⇨ 664.3; ⇨ 1678.3] und wurde deshalb angegriffen, zuletzt von [Nikolaus] Gallus [⇨ 8824], wovon sich [Johannes] Mathesius distanzierte [bei ⇨ 9099]. Zur Lehre von der Bekehrung = Wiedergeburt verweist M. auf die Loci [⇨ 3419] und den Römerbriefkommentar [⇨ 7785]. Den Anfang macht — gegen Schwenckfelds unmittelbare Einwirkung Gottes — das Wort Gottes, das als Gesetz und Evangelium Schrecken und Trost bewirkt. Der Mensch ist nicht passiv, sondern kann sich zeitlebens dem Trost des Heiligen Geistes zu- oder abwenden. Ursache der Abwendung ist der Wille, nicht Gott. Flacius, [Johannes] Stoltz und Gallus führen hier die Erwählung an, was M. als Schwenckfeldianismus bezeichnet. Er spricht nicht von Erwählung, sondern wie auch Luther von der universalen Verheißung. Von Flacius veranlaßt schickte M. darüber vor 14 Jahren einen Trostbrief nach Venedig [vgl. 3140; 3268].

[7] Zum Streit um [Andreas] Osiander verweist M. auf seine von vielen unterzeichnete Nürnberger Schrift [7592], die er für nützlicher hält als [Joachim] Mörlins Versöhnungsversuche [⇨ 7133; 7150; 7161; 7190]. Osianders Verständnis der Gerechtigkeit ist gesetzlich und also ohne Trost. Die Weimarer sollen unterschiedlicher Meinung darüber sein.

[8] Völlige Ablehnung des [Franciscus] Stancarus.

[9] Gute Werke: Der neue Gehorsam ist nötig, aber nicht als Zwang, sondern als göttliche Ordnung, wobei es auf die Absicht ankommt. Er ist kein Verdienst; der Zusatz „zur Seligkeit“ [⇨ 6550.5; ⇨ 6788; ⇨ 7054; ⇨ 7385; ⇨ 7760.4] wird nicht gemacht.

[10] Adiaphora: M. war gegen jede Änderung [5184; 5317]. Dagegen wurde der Vorwurf der Konspiration mit auswärtigen Predigern und des Streitens um Unnötiges erhoben [⇨ 5301; 5355] und auf die Notwendigkeit einer Ordnung verwiesen. Nachdem Kf. Moritz von Sachsen in Grimma [⇨ 5512] die Unantastbarkeit der Lehre gewährleistet hatte, antwortete Fürst Georg von Anhalt, man wolle dann um Äußerlichkeiten nicht streiten [⇨ 5516]. M. hat den Pastoren unter Mgf. Albrecht [von Brandenburg-Kulmbach] geraten, ihre Gemeinden nicht wegen des Chorrocks zu verlassen, solange die Lehre und Sakramente der [CA] gemäß bleiben [5413]. Hz. Johann Friedrich [d. M.] und Hz. [Johann Wilhelm von Sachsen] haben damals über die Mitteldinge anders entschieden [⇨ 5467; ⇨ 5474; ⇨ 5476f], als das Konfutationsbuch jetzt urteilt.

[11] Appellation an alle verständigen Christen, insbesondere an die der [CA] zugewandten Universitäten.

Fundort:
CR 9, 763-775 Nr. 6705.
Datierung:
Datum: Am 27. 2. 1559 schreibt M. zwar „nunc mitto ...“ (8876.3), aber die Absendung scheint sich doch verzögert zu haben, denn am 10. März teilt M. dem Camerarius mit, daß Peucer jetzt das Gutachten nach Dresden bringt (8887.2).

Normdaten
Personen:

Agricola, Theophilus: GND Hagrid

Albrecht von Brandenburg-Kulmbach: GND Hagrid

August von Sachsen: GND Hagrid

Camerarius, Joachim: GND Hagrid

Campanus, Johannes: GND Hagrid

Eber, Paul: GND Hagrid

Flacius Illyricus, Matthias: GND Hagrid

Gallus, Nikolaus: GND Hagrid

Georg von Anhalt: GND Hagrid

Gonesius, Petrus: GND Hagrid

Johann Friedrich d. M. von Sachsen: GND Hagrid

Johann Wilhelm von Sachsen: GND Hagrid

Luther, Martin: GND Hagrid

Mathesius, Johannes: GND Hagrid

Melanchthon: GND Hagrid

Menius, Justus: GND Hagrid

Moritz von Sachsen: GND Hagrid

Mörlin, Joachim: GND Hagrid

Osiander, Andreas: GND Hagrid

Schwenckfeld, Caspar von: GND Hagrid

Servet, Michael: GND Hagrid

Stancarus, Franciscus: GND Hagrid

Stoltz, Johannes: GND Hagrid

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