Georg Buchholzer an M. in Wittenberg. Dt. - Berlin, 8. August 1548

[1] Der Kanzler [Johannes Weinlaub], der Sekretär Gregor [Bach] und B. sprachen [am Montag, dem 6. August] über Johannes Agricolas Sonntagspredigt gegen M., als M.s Brief [5247] ankam. Der Kanzler verurteilte den Angriff auf M., der Sekretär sagte, solche Lügen über das Interim dürfe er vor dem Kaiser in Augsburg nicht ungestraft verbreiten.

[2] Dr. Funck, ein „Papist“, und sein Bruder Magister Funck sagten nach der Predigt, solches stünde nicht im Interim, Agricola schmeichle beiden Seiten.

[3.0] B. hat die Predigt [ed. N. Müller: JBrKG 5 (1908), 110-114 (H 3043a)] mitgeschrieben, die ein einziger Angriff auf M.s »Bedenken aufs Interim« [5182] war. M. wurde andauernd als Lügner bezeichnet. Den [Kf. Johann Friedrich von Sachsen] habe er um sein Land gebracht, bei [Kf. Moritz von Sachsen] wolle er es auch. Nachdem man sich auf dem Reichstag schon dem Trienter Konzil unterworfen hatte und das Ende der [evangelischen] Lehre bevorstand, habe der Kaiser diese Lehre angenommen, wolle sie in der ganzen Welt predigen lassen, habe gegen das päpstliche Konzil von Bologna protestiert, ein Werk Gottes, das durch das Gebet der Gemeinde [Berlin bzw. Cölln] gefördert wurde. Der Lügner [M.] aber, statt durch Schreiben zu helfen, lüge über dessen Rechtfertigungslehre, der Glaube sei Vorbereitung, die Liebe Vollendung der Rechtfertigung.

[3.1] Agricolas Deutung der Rechtfertigungslehre des Interims.

[3.2] Der Papst sei entmachtet.

[3.3] Die Messe sei kein opus operatum mehr, sondern Gedächtnis des Kreuzesopfers, was die »Vermahnung« [⇨ 5239.2] zum Ausdruck bringe. Luther würde sich darüber freuen.

[3.4] Laienkelch und Priesterehe bleiben, wie Agricola vom Kaiser und von Kg. [Ferdinand] gehört habe.

[3.5] Bei den Heiligen werden Mißbräuche abgestellt. Doch solle erlaubt sein, durch einen Knecht statt durch den Sohn zum Vater zu treten.

[3.6] Damit sei das Papsttum verurteilt. [Kritik am Interim] sei Lüge und Undankbarkeit gegen den Kaiser und Kg. [Ferdinand].

[4] Der erste Teil der Predigt handelte von der Zerstörung Jerusalems [Luk 19, 41-48] und war gut. B. schickt einen eigenen Boten. Agricolas Polemik wurde von vielen Hochstehenden mißbilligt, auch von [Kf. Joachim II. von Brandenburg]. Agricola will seine Predigt nicht drucken lassen.

[5] Kf. [Joachim II.] hat durch [seinen Sohn] Bf. Friedrich [designiert für Magdeburg] den Predigern von Cölln [an der Spree] und Berlin sagen lassen, sie sollten sich mit Agricola über [dessen] Erklärung [des Interims] besprechen. Der Kf. werde an seiner [Kirchen]ordnung [von 1540, ⇨ 2489] nichts ändern, wofür die Prediger dankten. Bf. Friedrich mißbilligte gegenüber dem Pfarrer von Cölln [Hieronymus] Schwolle und B. Agricolas Redeweise.

[6] B. hat in seiner Predigt das Anrufen des Knechtes [→§ 3.5] abgelehnt. Er bittet M. um sein Urteil über die zugeschickte »Vermahnung« [⇨ 5239.2; ⇨ 5250.4].

[7] Grüße an Johannes Bugenhagen, [Jakob] Milichius, [Caspar] Cruciger, Veit Örtel. Grüße von [Weinlaub], Paul [Praetorius], Gregor [Bach], Schwolle, Lic. Heiler. B. will auch die anderen Predigten mitschreiben. Grüße von [Abraham und Noah] Buchholzer. Georg Rörer soll diesen Brief lesen. Milichius soll wie versprochen die Pasquille und die Straßburger Schrift [⇨ 5219.2] schicken. Gregor [Bach] sagte, Agricola habe gesagt, der Kaiser wolle alle seine Kinder versorgen.

Fundort:
Eigenhändig: Frankfurt/Main BA (vorher SAL Göttingen), Anhaltisches SA, GAR 54V Teil III, p. 30-37. ‒ MBW.T 18 (erstmals publiziert).
Datierung:
M. gab diesen Brief dem Joachim Camerarius, der ihn am 13. August an Fürst Georg von Anhalt schickte: l. c. GAR 674, p. 190f = f. 75r-v. Camerarius muß also kurz davor in Wittenberg gewesen sein.

Normdaten
Personen:

Agricola, Johannes: GND Hagrid

Buchholzer, Abraham: GND Hagrid

Buchholzer, Georg: GND Hagrid

Buchholzer, Noah: GND Hagrid

Bugenhagen, Johannes: GND Hagrid

Camerarius, Joachim: GND Hagrid

Cruciger, Caspar: GND Hagrid

Ferdinand: GND Hagrid

Funck, Fabian: GND Hagrid

Funck, Matthias: GND Hagrid

Georg von Anhalt: GND Hagrid

Joachim II. von Brandenburg: GND Hagrid

Johann Friedrich d. Ä. von Sachsen: GND Hagrid

Karl V., Kaiser: GND Hagrid

Luther, Martin: GND Hagrid

Melanchthon: GND Hagrid

Milichius, Jakob: GND Hagrid

Moritz von Sachsen: GND Hagrid

Örtel, Veit: GND Hagrid

Praetorius, Paul: GND Hagrid

Rörer, Georg: GND Hagrid

Schwolle, Hieronymus: GND Hagrid

Weinlaub, Johannes: GND Hagrid

Orte:

Berlin: Geonames Hagrid

Wittenberg: Geonames Hagrid